Die Privatsphäre ist tot – lang lebe die Privatsphäre!

Ich hatte das Vergnügen diese Woche einem ThinkTank auf einem schicken Schloss in Niedersachsen beizuwohnen und habe eine Art “Gegenrede” auf einen Impulsvortrag des Gründers von Tweetdeck gehalten und dafür viel Beifall und Bestätigung geerntet. Was mich in der Form zugegebener Maßen einerseits überraschte, andererseits natürlich in meiner Sicht bestätigt hatte.

Was war da passiert?

Es ging um das Thema Privatsphäre und inwiefern es umungänglich ist, dass es um diese sowohl heute als auch in Zukunft schlecht bestellt ist. Kurz (und ggf. leicht sarkastisch) zusammengefasst hat sich Tweetdeck in die Richtung geäußert, dass wir damit abschließen können, dass wir das gelernte Konzept von Privatsphäre noch in Zukunft aufrecht erhalten können, Daten über uns als Privatperson öffentlich sind/werden und sich Unternehmen jetzt schicke Geschäftsmodelle ausdenken können, was man mit den Daten so machen kann.

Besonders schockierend fand ich dabei die Selbstverständlichkeit mit der er in den Raum gestellt hat, dass uns unsere Privatsphäre in Zukunft einfach egal sein wird. Schließlich kann alles öffentlich werden – die Hintergründe sind bekannt – und damit ist die Schlußfolgerung richtig, dass auch alles öffentlich wird.

Und damit ist auch die Schlußfolgerung richtig, dass sich Unternehmen jetzt überlegen sollten was man mit den Daten schickes machen kann. Boah diese Amis. Nachdem ich mit meiner Gegenrede fertig war dachte er sicherlich: “Old Europe – they simply don’t get it” …

… machen bei Kriegen nicht richtig mit, steigen aus der Atomenergie aus und jetzt geben sie sich auch noch der Illusion hin ihre Privatsphäre retten zu können.

Ziel des ThinkTanks war es darüber nachzudenken, wie sich die Welt in 10 Jahren verändert haben wird und die Hypothese die ich in meiner “Gegenrede” in den Raum gestellt habe war, dass unsere Gesellschaft durchaus auch mit einer Form von Rückzug/Cocooning auf die veränderte Welt reagieren könnte und wir uns nicht unserem Schicksal ohnmächtig ergeben werden.

Und ich habe dazu ausgeführt, dass ich bei mir persönlich als auch in meinem – von sogenannten “Early Adoptern” geprägten – Umfeld durchaus über die letzten 5 Jahre beobachten kann, wie sich deren Umgang mit Privatsphäre verändert hat.

Schaue ich zurück in 2006/2007 waren wir förmlich hemmungslos und experimentierfreudig. Es wurde jeglicher private Scheiß getwittert ohne Rücksicht auf eigene oder vor allem Verluste Dritter. Wo wir mit wem waren, was wir dort gemacht haben – völlig außer Kontrolle. Ich konnte mich mit Mensche treffen und hatte wirklich keinerlei Kontrolle mehr darüber, wer alles zum Besten gibt, dass ich dort bin und das bestmöglich noch mit einem Foto oder Video untermauert hat.

Aber das hat sich dramatisch geändert. Der Umgang ist ein anderer geworden. Die Leute fragen heute, ob es in Ordnung ist ein Foto zu veröffentlichen oder überhaupt bekanntzugeben, dass man vor Ort ist. Wenn andere Leute es trotzdem ungefragt tun, werden Sie auch gerne mal von anderen ermahnt, die das mitbekommen haben.

Leute auf Facebook machen immer häufiger drastische “Cuts” (in unterschiedlichste Ausprägung) um dafür zu sorgen, dass wirklich wieder nur ihre Freunden Ihnen zuhören und nicht jeder Hans und Franz, dem man als “Freund” im Laufe der Zeit mal akzeptiert hat, nur weil man offensichtlich viele gemeinsame Freunde hat.

Wenn Facebook ein neues Feature einführt, um Menschen in Fotos zu finden – dann kommt das bei uns Abends in der Tagesschau und ich konnte wundervoll verfolgen, wie meine gesamte Bekannschaft sich gegenseitig geholfen hat, diese Privacy Einstellungen zu ändern.

Für mich ist dem Gründer von Tweetdeck folgender Denkfehler unterlaufen: Nicht Technologie definiert unseren Umgang mit der eigenen und Privatsphäre Dritter, sondern unsere Gesellschaft.

Wenn unsere Gesellschaft Geheimniskrämer und Intransparenz bei Unternehmen, Staat und anderen Institutionen nicht akzeptiert und Transparenz einfordert hilft uns die technologische Entwicklung der letzten Jahre und führt auch zu einem Zwang für Unternehmen und Staat umdenken zu müssen.

ABER: der Umkehrschluss zu sagen, dass dies dann für die Privatperson genauso gilt ist schlichtweg falsch und meiner Meinung eher ein Wunschdenken von Unternehmen und Staaten. Unsere Gesellschaft wird definieren, wie sich unser Verständnis von und Umgang mit Privatsphäre entwickelt. Und mein persönliches Umfeld hat dies für mich wirklich bereits heute nachhaltig bewiesen.

Wir sind doch die “Early Adopter”, die Spielkinder die jeden Scheiß bis zum Erbrechen ohne Rücksicht auf Verluste als erste intensiv ausprobieren. Wenn sich in unserem Umfeld über die letzten Jahre dann aber ein anderer wesentlich respektvollerer Umgang mit der Privatsphäre Dritter etabliert bin ich doch ganz hoffnungsvoll, dass da auch die Gesellschaft in Summe nachziehen wird und das “Early Adopter Dasein” nicht nur für die eine Seite der Medaille gilt ;)

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The Restless Mind

am 18.06.2011

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